Bereitschaftspflege in Hamburg: Ankermami Mi-Yeon über das schnelle Verlieben und Loslassen eines Kindes als Zuhause auf Zeit.
Wer in dieser Folge über das Thema Pflegeelternschaft spricht
In dieser Podcastfolge wird es persönlich und gleichzeitig sehr informativ. Helene und Anja sprechen mit Mi-Yeon, die viele auf Instagram als Ankermami kennen. Mi-Yeon ist verheiratet, hat zwei leibliche Töchter und hat sich entschieden, zusätzlich Bereitschaftspflege in Hamburg zu übernehmen. Also Kinder kurzfristig aufzunehmen, wenn sie aus einer akuten Krisensituation heraus schnell geschützt werden müssen.
Das Gespräch dreht sich um Fragen, die viele Menschen haben, aber selten so offen beantwortet bekommen: Wie wird man Pflegeeltern und was bedeutet das konkret? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein? Wie schnell geht es wirklich, bis ein Kind da ist? Und was macht das emotional, wenn das Pflegekind nach Wochen oder Monaten wieder in seine Ursprungsfamilie zurückkehrt?
Mi-Yeons Weg zur Pflegeelternschaft
Von der Frage nach einem dritten Kind zur Bereitschaftspflegefamilie
Am Anfang steht bei Mi-Yeon kein fertiger Plan, sondern eine innere Diskussion, die viele Eltern kennen: Kommt noch ein Kind dazu oder nicht? Nach zwei herausfordernden Babyzeiten fühlt sich eine weitere Schwangerschaft für sie nicht richtig an. Gleichzeitig bleibt da der Gedanke, dass die Familienplanung noch nicht ganz abgeschlossen ist.
Der Impuls zur Pflege kam dann auch aus dem Umfeld. Mi-Yeons Mann kannte Pflegeeltern im Bekanntenkreis und brachte die Idee mit nach Hause: Man könnte sich informieren, den Prozess beginnen und schauen, ob es überhaupt passt. Aus diesem ersten Schritt wurde ein intensiver Bewerbungs und Vorbereitungsweg, bei dem sich ihre Perspektive veränderte. Denn je mehr Einblick sie bekamen, desto klarer wurde: Vollzeitpflege, also eine langfristige Unterbringung bis zur Volljährigkeit, passt in ihrer aktuellen Familienphase nicht ideal.
Welche Pflegeformen es gibt und warum sich Mi-Yeons Familie für Bereitschaftspflege entschieden hat
Bei dieser Form der Pflege geht es um kurzfristige, befristete Aufnahmen. Kinder werden in akuten Krisensituationen manchmal sehr schnell aus ihrem bisherigen Umfeld herausgenommen. Damit sie nicht in einer Einrichtung mit wechselnden Betreuungspersonen untergebracht werden müssen, werden Menschen gesucht, die sofort übernehmen können. Mi-Yeon beschreibt, wie schnell das in der Praxis sein kann: Ein Anruf am Vormittag und nur Stunden später ist das Kind da.
Der entscheidende Punkt für ihre Entscheidung: der Schutz ihrer eigenen Kinder und die Passung zur Familie. Mi-Yeon denkt sehr klar darüber nach, was ein Pflegekind langfristig bedeuten kann, gerade wenn ein Kind älter wird, seine Geschichte bewusster erlebt, Kontakt zu leiblichen Eltern hat und möglicherweise mehr Raum, Begleitung oder Unterstützung braucht. Für ihre jüngere Tochter wollte sie vermeiden, dass sich Überforderung oder Konkurrenz ungünstig entwickelt. Ein Säugling oder sehr kleines Kind erschien ihr in der damaligen Situation als die stimmigere Variante.
Voraussetzungen und Bewerbungsprozess für Bereitschaftspflegeeltern in Hamburg
Was Pflegeeltern mitbringen müssen
Wer Pflegeeltern werden möchte, wird gründlich geprüft. Mi-Yeon beschreibt das als komplettes Durchleuchten. Dazu gehören unter anderem Gespräche, Hausbesuche, Seminare und Nachweise wie erweitertes Führungszeugnis, Gesundheitscheck, Drogenscreening, Schufa Auskunft und Einkommensnachweise. Ziel ist eine möglichst sichere Einschätzung, ob das Umfeld stabil ist und ob die Familie dem Kind einen geschützten Raum geben kann.
In der Vollzeitpflege gibt es in Hamburg klare Altersregeln, etwa dass Pflegepersonen mindestens 21 Jahre alt sein sollen und der Altersunterschied zum Kind bestimmte Grenzen nicht überschreiten sollte. Bei Bereitschaftspflege sind die Grenzen weniger starr, wichtiger ist die konkrete Eignung und die Fähigkeit, den Bedürfnissen des Kindes gerecht zu werden.
Ein weiterer zentraler Punkt ist Zeit. Gerade in dieser Pflegeform sollte die Hauptbetreuungsperson idealerweise nicht berufstätig sein oder sehr flexibel, weil am Anfang oft eine volle Präsenz für das Kind notwendig ist. Termine mit Behörden, Vormundschaft, leiblichen Eltern und Hilfesystemen können zusätzlich zum normalen Familienalltag kommen.
Wohnraum und Ausstattung
Auch die Wohnsituation spielt eine Rolle. Mi-Yeon berichtet von Vorgaben zur Quadratmeterzahl und davon, dass ab einem gewissen Alter ein eigenes Zimmer für das Pflegekind vorgesehen ist. Wer sehr kurzfristig aufnehmen kann, muss außerdem praktisch vorbereitet sein. Ein Baby kommt nicht mit der passenden Ausstattung an. Kinderwagen, Babybett, Autositz, Flaschen und all die Dinge, die man bei eigenen Kindern vielleicht längst weitergegeben hat, müssen verfügbar sein, bevor der Anruf kommt.
Alltag in der Bereitschaftspflege
Wenn ein Anruf den Tag verändert
Was es bedeutet, wenn dass das Familienleben spontan umgestellt wird. Mi-Yeon erzählt von ihrem Fall, bei dem der Anruf am Vormittag kam und das Pflegebaby kurz darauf schon bei ihnen war. Ab diesem Moment ändern sich Routinen und Logistik. Nächte werden wieder kürzer, der Tagesablauf muss neu geplant werden, Wege, Termine und Zuständigkeiten werden anders verteilt.
Was es mit den eigenen Kindern macht
Besonders eindrücklich ist, wie fein Mi-Yeon beobachtet, was die Aufnahme in ihrer Familie auslöst. Bei ihrer älteren Tochter erlebt sie mehr Selbstständigkeit und Hilfsbereitschaft. Bei der jüngeren Tochter taucht gleichzeitig eine neue, eher indirekte Bedürftigkeit auf. Obwohl sie das Baby sehr liebt und sich kümmern will, sucht sie nachts wieder mehr Nähe und möchte intensiver kuscheln. Es zeigt, dass Pflege nicht nur das Pflegekind betrifft, sondern das gesamte Familiensystem.
Bindung, Loslassen und das emotionale Doppel
Schockverliebt in Sekunden
Eine der zentralen Fragen im Gespräch ist die Bindung. Kann man ohne Schwangerschaft eine tiefe Beziehung aufbauen? Mi-Yeon hatte diese Frage vorher selbst. Und dann kommt das Kind und die Antwort ist sofort da. Sie beschreibt, wie schnell dieses Gefühl entsteht, wie unmittelbar sie sich verantwortlich fühlt, wie selbstverständlich sie dem Kind geben will, was es braucht. Sie nennt es schockverliebt.
Abgrenzung im Kopf und Nähe im Herzen
Gleichzeitig ist da immer das Wissen: Dieses Kind ist auf Zeit da. Diese mentale Abgrenzung läuft parallel zum emotionalen Eintauchen. Genau dieses Spannungsfeld macht Bereitschaftspflege so anspruchsvoll. Denn ein Kind braucht echte Nähe, ein stabiles Bindungsangebot und verlässliche Zuwendung. Wenn Pflege nur auf Distanz passiert, wäre das für das Kind irritierend. Mi-Yeon beschreibt, dass sie gerade deshalb ihre Emotionen zugelassen hat. Und genau dadurch konnte sie dem Kind die Sicherheit geben, die es in dieser Phase braucht.
Wenn das Kind geht
Als das Kind wieder in seine Ursprungsfamilie zurückkehrt, ist das für Mi-Yeon schmerzhaft. Gleichzeitig sagt sie auch sehr klar: Zum Glück ist es in diesem Fall so gut gelaufen. Die Entwicklung in der Herkunftsfamilie war positiv und das Kind gehört letztlich zu seiner Familie. Dieses Nebeneinander von Traurigkeit und Erleichterung zieht sich als ehrlicher Kern durch die Folge.
Unterstützung durch den Pflegekinderdienst und rechtliche Fragen
Man ist nicht allein
Ein wichtiger Punkt ist das Netzwerk: Mi-Yeon betont mehrfach, dass Pflegeeltern nicht allein gelassen werden. Es gibt zuständige Fachkräfte beim Pflegekinderdienst, Fortbildungen, Supervision und je nach Bedarf weitere Hilfen. Spannend ist auch, dass Unterstützung nicht nur für das Kind gedacht ist, sondern auch für die Pflegeeltern. Mi-Yeon berichtet, dass ihr nach dem Abschied sogar aktiv Supervision angeboten wurde, um das Erlebte zu sortieren.
Wer entscheidet bei Arzt, Impfung und Notfällen?
Im Gespräch werden sehr praktische Fragen geklärt. Mi-Yeon erläutert, dass sie Routineuntersuchungen und akute Behandlungen eigenständig organisieren darf. Bei größeren Entscheidungen wie Impfungen, Operationen oder langfristigen Therapien müssen Vormundschaft und Jugendamt einbezogen werden. In akuten Notfällen darf sie alles Notwendige veranlassen, um das Kind zu schützen, und informiert anschließend die zuständigen Stellen.
Versicherung und Haftung
Auch Versicherungsfragen kommen zur Sprache. Mi-Yeon erklärt, dass es über das Amt eine Haftpflichtabsicherung gibt, die sowohl das Pflegekind als auch die Pflegeeltern einschließt, etwa bei Vorwürfen zur Aufsichtspflicht. Zudem wird angesprochen, dass Pflegekinder in der Bereitschaftspflege nicht über die Pflegeeltern krankenversichert sind, sondern je nach Situation über die Ursprungsfamilie oder andere Regelungen.
Vergütung: Aufwandsentschädigung, aber kein Job
Was das Pflegegeld abdeckt und was nicht
Pflegeeltern sollen nicht privat für die laufenden Kosten des Kindes aufkommen müssen. Mi-Yeon beschreibt das Pflegegeld als Aufwandsentschädigung für ein Ehrenamt, die in der Regel nicht versteuert werden muss und die Kosten für das Kind abdeckt, etwa Ernährung, Kleidung oder Windeln. Trotzdem kann es am Anfang teurer werden, weil erst eine passende Ausstattung angeschafft werden muss, besonders wenn kurzfristig ein Säugling kommt, der ganz andere Größen oder Bedürfnisse mitbringt als erwartet.
Sozialversicherung und Rentenfragen
Da es kein klassisches Arbeitsverhältnis ist, entstehen daraus nicht automatisch Ansprüche wie bei einem Job. Mi-Yeon spricht über elterngeldähnliche Leistungen, die es nach ihrer Kenntnis in Hamburg unter bestimmten Bedingungen für Vollzeitpflege geben kann, sowie über mögliche Anrechnungen von Kindererziehungszeiten. Für Bereitschaftspflege gelten manche dieser Zusatzleistungen nicht oder anders.
Was Hörerinnen und Hörer aus der Folge mitnehmen können
Drei Gedanken, die hängen bleiben
Erstens: Bereitschaftspflege ist hochprofessionell organisiert und gleichzeitig zutiefst menschlich. Es geht nicht um perfekte Familien, sondern um verlässliche, vorbereitete Menschen, die kurzfristig Schutz und Bindung anbieten können.
Zweitens: Die Passung zur eigenen Familie ist keine Nebensache, sondern Voraussetzung. Mi-Yeon zeigt, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse der eigenen Kinder mitzudenken, Grenzen ernst zu nehmen und nicht aus Idealismus über die eigenen Ressourcen hinwegzugehen.
Drittens: Loslassen gehört dazu und ist trotzdem schwer. Die Bereitschaftspflege lebt davon, dass Menschen Bindung zulassen, obwohl sie wissen, dass der Abschied kommen kann. Genau das macht diese Aufgabe so besonders.
Konkrete Impulse, wenn du selbst darüber nachdenkst
Informiere dich lokal
Mi-Yeon rät: Wer Interesse hat, sollte sich beim zuständigen Pflegekinderdienst am Wohnort melden und ein Gespräch anfragen. Für Hamburg nennt sie zusätzlich den freien Träger Pfiff als Anlaufstelle für Information und Schulung.
Prüfe Ressourcen statt nur Motivation
Zeit, emotionale Stabilität, Unterstützung im Umfeld, Wohnraum und Flexibilität sind zentrale Faktoren. Motivation allein reicht nicht. Gleichzeitig wird im Prozess genau hingeschaut, ob die Motivation tragfähig ist und nicht primär finanziell.
Bereite dich auf Nähe und Abschied vor
Diese Folge macht deutlich, dass Bereitschaftspflege beides ist: intensives Familienleben auf Zeit und das bewusste Aushalten von Abschied, idealerweise im Sinne des Kindes.
Nützliche Adressen und weiterführende Infos
Wenn du dich nach dieser Folge tiefer mit dem Thema Pflegefamilie beschäftigen möchtest, können dir diese verlässlichen Anlaufstellen weiterhelfen.
Auf Instagram teilt Mi-Yeon (Ankermami) persönliche Einblicke und Informationen zu ihren Erfahrungen als Pflegefamilie in Hamburg – hier findest du ihren Account mit vielen Einblicken und Gedanken zur Thematik.
Und für alle, die deutschlandweit einen Ansprechpartner in ihrer Stadt oder im jeweiligen Bundesland suchen, ist der lokale Jugendamt-Pflegekinderdienst die richtige erste Anlaufstelle – eine umfassende Übersicht zu Pflegefamilien allgemein, zu Voraussetzungen, Leistungen und wie du konkret Kontakt zu deinem zuständigen Jugendamt aufnehmen kannst, bietet das Familienportal des Bundes.
Wenn du noch mehr Informationen brauchst oder ganz konkrete Kontakte suchst, kann es oft helfen, direkt beim Jugendamt am Wohnort anzufragen oder Veranstaltungen und Infoabende zu besuchen – viele Städte und freie Träger bieten regelmäßig Termine an, um Fragen zu beantworten und den Einstieg zu erleichtern.
Jetzt reinhören
Wenn du wissen willst, wie sich Bereitschaftspflege im echten Familienalltag anfühlt, hör unbedingt in diese Folge rein. Am Ende dieser Seite findest du den eingebetteten Player zur Episode mit Mi-Yeon (Ankermami).